Medizinstudium in den USA: Schlechte Chancen für internationale Studierende

Immer wieder höre ich von Schülern und Abiturienten, dass sie gerne in den USA Medizin studieren möchten. Kein Wunder, denn die amerikanischen Medical Schools haben weltweit einen hervorragenden Ruf – und die Studienplätze in Deutschland sind bekanntlich extrem knapp. Allerdings gibt es dabei gleich mehrere Haken: Denn erstens ist es in den USA nicht möglich, Medizin direkt im Anschluss an die Schule zu studieren. Voraussetzung für die Zulassung zum Medizinstudium ist nämlich ein abgeschlossenes Bachelorstudium. Das heißt: Angehende Ärzte müssen zunächst vier Jahre lang das College besuchen, um sich eine breite Allgemeinbildung und erstes Fachwissen in einem bestimmten Bereich anzueignen. Das kann eine einzelne Naturwissenschaft oder eine Kombination aus mehreren sein (was dann häufig „pre-medicine“ genannt wird), aber auch mit den Fächern Geschichte oder Literaturwissenschaft verbaut man sich keineswegs den Weg zur Medical School. Mit der ersten Phase des deutschen Medizinstudiums, dem Physikum, hat das Ganze jedenfalls kaum etwas zu tun.

Erst nach dem Bachelorabschluss ist also eine Bewerbung an einer medizinischen Hochschule möglich. Dort dauert das Studium dann noch einmal vier Jahre und schließt mit dem „Doctor of Medicine“ (M.D.) ab. Und hier kommt der zweite Haken: Die Konkurrenz um diese Studienplätze ist in den USA ungefähr genauso riesig wie bei uns. Wählt man also im Bachelorstudium das Fach „pre-medicine“, ist alles andere als sicher, dass es hinterher tatsächlich mit dem eigentlichen Medizinstudium weitergeht. Viele Amerikaner warten jahrelang, bis sie endlich einen Platz an einer der 130 Medical Schools des Landes ergattern. Zwar gibt es auch rund drei Dutzend Kombi-Programme, die bei guten Noten nach nur drei Jahren Bachelorstudium einen fließenden Übergang ins Medizinstudium bieten. Doch die Konkurrenz um einen Platz in diesen „accelerated programs“ ist noch viel größer. (Die Brown University zum Beispiel bietet ein solches Program in Liberal Medical Education an – als einzige Ivy League-Universität übrigens. Zulassungsquote zuletzt: 100 von 2886 Bewerbern, also knapp 3,5 Prozent.)

Für Ausländer gibt es darüber hinaus noch einen dritten Haken, denn viele US Medical Schools nehmen überhaupt keine Bewerbungen von Nicht-Amerikanern an (hier eine Liste, siehe Punkt 6: „Non-US citizens“). Und selbst wo dies möglich ist, ist der Prozentsatz der angenommenen ausländischen Bewerber mit durchschnittlich rund 3% verschwindend gering. Meistens muss man mindestens ein Jahr an einem US-College studiert haben oder seinen festen Wohnsitz in den USA haben, um überhaupt in Frage zu kommen. Deutsche Abiturienten, die Medizin in den USA studieren möchten, müssten also zunächst 4 Jahre lang einen Bachelor an einer US-Hochschule machen und sich dann mit minimalen Erfolgschancen an einer medizinischen Hochschule bewerben, um dort noch einmal 4 Jahre zu studieren. Ist das ein guter Plan? Mit Sicherheit nicht. Sinnvoller ist es, das Medizinstudium in Deutschland zu absolvieren und anschließend die Facharztausbildung (residency) an einem US-Universitätsklinikum zu machen. Hier haben auch Ausländer gute Chancen, und es gibt gut organisierte Verfahren für die Bewerbung. Für eine medizinische Ausbildung in den USA muss also das Sprichwort gelten: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.